Der verengte Blick der Nachkriegszeit
Reformpädagogik nach 1945 zwischen Wiederbelebung und Abbruch, Dogmatisierung und Kritik / Eine Bilanz (III)
Von Wolfgang Keim
Jahrzehntelang hielt sich die - von der Nachkriegserziehungswissenschaft verbreitete - Legende, die pädagogische Reformpädagogik sei 1933 an ihr Ende gekommen bzw. gewaltsam abgebrochen worden. Inzwischen wissen wir, dass das Schicksal der Reformpädagogik in der Phase der nazistischen Machteroberung kompliziert und widersprüchlich verlaufen ist. Gewaltsam abgebrochen wurden in der Tat alle schulischen wie außerschulischen Reformmodelle, die als "links" galten oder republikanischer Gesinnung verdächtig waren, während Schulen und Erwachsenenbildungseinrichtungen mit anti-liberaler, antidemokratischer und völkischer Tendenz sich in der Regel behaupten konnten, teilweise bis zum Ende der NS-Zeit, wie zum Beispiel die Hermann-Lietz-Schulen. Gleichwohl bedeuteten die zwölf Jahre für alle einen tiefen Einschnitt: für die von den Nazis zerschlagenen Bildungseinrichtungen, weil ihre Repräsentant(inn)en vielfach ins Exil gingen und nach dem Kriege die Kraft fehlte, nochmals an ihre Weimarer Konzepte anzuknüpfen; für die mit den Nazis kollaborierenden Reformer(innen), weil sie gleichsam ihre reformpädagogische Unschuld verloren hatten und ihre Anpassung bis in ihr Schrifttum hinein nicht gleich vergessen machen konnten, gelegentlich auch in der ersten Nachkriegszeit am mehr oder weniger streng gehandhabten Entnazifizierungsverfahren der Alliierten scheiterten. Zu einer Wiederbelebung der Reformpädagogik im größeren Rahmen kam es am ehesten dann, wenn sich Exponenten während der Nazizeit als Antifaschisten bewährt hatten und gleich nach dem Kriege - nur in Einzelfällen aus dem Exil - in Leitungsfunktionen berufen wurden wie in Hamburg, Bremen, Niedersachsen und vor allem Berlin. Ergebnis war hier die im Groß-Berliner Schulgesetz von 1947/48 verankerte, Reformansätze der Weimarer Zeit aufnehmende, Kernunterricht mit Wahlpflichtkursen verbindende achtjährige Einheitsschule und die von dem Begründer der Schulfarm Insel Scharfenberg, Wilhelm Blume, nach reformpädagogischen Prinzipien neu organisierte einheitliche Lehrerausbildung. Beides fiel dem Kalten Krieg, der Spaltung der Stadt und der Restauration des westdeutschen Schulwesens zum Opfer, was in ähnlicher Weise auch für Bremen gilt, wo ab 1951 die nach dem Kriege eingeführte sechsjährige Grundschule zunächst aufgeweicht, später abgeschafft worden ist.
Schulen der Reformpädagogik nach 1945
Nach dem Abbruch reformpädagogisch orientierter Ansätze in der Schulpolitik blieben nur wenige Reformschulen bestehen. Zu den fortschrittlichen, an demokratischen, liberalen Weimarer Traditionen anknüpfenden Modellen gehörten die - 1956 nach Fritz Karsen benannte - Einheitsschule in Berlin-Britz als Relikt des Einheitsschulgesetzes von 1947/48, die reorganisierte Schulfarm Insel Scharfenberg im Tegeler See und die von Paul Geheeb begründete, nach dem Kriege von der aus dem Exil zurückgekehrten Minna Specht geleitete Odenwaldschule. Von ihr sind in den 60er Jahren vielfältige Anregungen sowohl bei der Einrichtung integrierter Gesamtschulen wie doppelt qualifizierender Bildungsgänge auf der Oberstufe ausgegangen. Die überwiegende Mehrzahl der nach dem Krieg wieder eröffneten bzw. neu gegründeten Reformschulen basierte allerdings auf eher konservativen Traditionen, etwa die für Kinder begüterter Eltern attraktiven Landerziehungsheime oder die von der anthroposophischen "Bewegung" getragenen, von Industriekreisen gesponserten Waldorf-, die von der katholischen Kirche unterstützten Montessori- sowie die von Petersenschülern initiierten Jena-Plan-Schulen. In den letzten beiden Jahrzehnten ist vielfach die Frage aufgeworfen worden, ob zum Beispiel die auf Rudolf Steiner zurückgehenden Schulen tatsächlich eine kindorientierte Pädagogik oder nicht viel mehr eine esoterische, zu geschlossenen Denk- und Glaubenssystemen tendierende, der Moderne skeptisch bis ablehnend gegenüberstehende Erziehung vermitteln. Ihre Klientel sind bis heute Kreise aus Industrie, Bildungsbürgertum sowie der alternativen Bewegung, die ihre Kinder dem vermeintlichen Druck des Regelschulsystems entziehen und ihnen statt dessen eine besondere, musisch-künstlerische Erziehung angedeihen lassen wollen, was sich aufgrund des in der Regel verlangten Schulgeldes und der erwarteten Elternmitarbeit "einfache" Leute kaum leisten können.. Eine Erweiterung dieser - gegenüber Weimar reichlich verengten - reformpädagogischen Schullandschaft erfolgte seit den 70er Jahren im Rahmen der Alternativschulbewegung, die nicht zuletzt durch die Wiederentdeckung von Konzepten und Modellen ausländischer Reformpädagogen angeregt worden ist: durch Neills antiautoritäre Internatsschule in Summerhill, die dänischen Tvindschulen oder die an den Prinzipien von Selbstorganisation, Selbsttätigkeit und kooperativen Arbeitsformen orientierte Pädagogik des französischen Volksschullehrers Freinet. Letzterer hat in der Bundesrepublik eine regelrechte Freinet-Bewegung in Gang gesetzt, die eng mit der französischen vernetzt ist und insbesondere in die Grundschulpädagogik hineingewirkt hat. Die bedeutendste, aus der 68er-Bewegung hervorgegangene Alternativschule ist die von Oskar Negt initiierte und begründete Glocksee-Schule in Hannover-Linden - eine bewußt öffentliche Schule, die auf Erkenntnissen von Kritischer Theorie und Kritischer Psychologie basiert und vor allem Phänomene wie Selbstregulierung von Kindern, Lernen ohne Angst und Zwang sowie Erfahrung als Grundlage des Lernbegriffs zu bearbeiten versucht. Auch in der SBZ sind nach Kriegsende Reformschulen zunächst weitergeführt oder neu begründet worden wie Petersens Jena-Plan-Schule, die Magdeburger Berthold-Otto-Schule oder die - auf die sächsische Schulreform der 20 er Jahre zurückgehende - Humboldt-Schule in Chemnitz. Sie alle fielen der stalinistischen Überformung des DDR-Schulwesens seit den ausgehenden 40 er Jahren zum Opfer, ungeachtet ihrer historischen Verdienste oder ihrer Problematik. Interessanterweise blieb die Refompädagogik auch nach ihrer Verwerfung als bürgerliches Relikt in der DDR-Pädagogik lebendig als Art Chiffre für freiheitliche Pädagogik. Noch kurz vor der Wende kam es im Zuge größer werdender Diskussionsspielräume innerhalb der DDR-Erziehungswissenschaft zu einer Kontroverse über die Bedeutung der Reformpädagogik für die aktuelle bildungs- und schulpolitische Entwicklung, die jedoch bald von der Welle - größtenteils konservativ und elitär orientierter - reformpädagogischer Westimporte weggeschwemmt wurde.
Reformpädagogik als Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung
Die Erziehungswissenschaft der alten Bundesrepublik hat sich bis heute insgesamt weniger mit Weiterführung, Neugründung und Entwicklung einzelner Reformschulen beschäftigt, als vielmehr den bereits in der Weimarer Zeit von Herman Nohl, Wilhelm Flitner und Erich Weniger initiierten Diskurs über Reformpädagogik als Epochenphänomen weitergeführt. Ihren klassischen Ausdruck hat diese Sichtweise in einem Handbuchartikel von Herman Nohl mit dem bezeichnenden Titel "Die pädagogische Bewegung in Deutschland und ihre Theorie" gefunden. Darin erscheinen "die verschiedenen Reformbestrebungen der damaligen Zeit ... als Teile einer einheitlichen Bewegung", die ihrerseits als Fortsetzung der deutschen Klassik, der sog. "Deutschen Bewegung", interpretiert und damit noch einmal besonders aufgewertet wurden. Reformpädagogik war somit kein bloßes pädagogisches Phänomen mehr, etwa im Sinne kindgerechten Lehrens und Lernens, sondern eine Art "Therapeutikum", mit dem die "neue soziale, sittliche und geistige Not unseres Volkes", die Nohl auf die Folgen von Industrialisierung , aber auch von Aufklärung, Liberalismus und Individualismus zurückführt, überwunden werden sollten. Als die Nazis in Deutschland die Macht übernahmen, erwies sich diese Sicht von "Reformpädagogischer Bewegung" als anschlußfähig. Nohls Reformpädagogik-Deutung hat nach dem Kriege noch acht (!) Auflagen erlebt, die letzte, zehnte, 1988. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits zwei jüngere Erziehungswissenschaftler, Wolfgang Scheibe und Hermann Röhrs, den Mythos von der "Reformpädagogischen Bewegung" in neueren, an Nohl orientierten Darstellungen fortgeschrieben. Wolfgang Scheibes, inzwischen ebenfalls als klassisches Standardwerk zur Reformpädagogik geltende Arbeit liegt inzwischen in zehnter (!) Auflage (1994) vor. Scheibe war übrigens an führender Stelle im Reichsarbeitsdienst tätig und hat noch 1944 einen "Abriß der Deutschen Erziehungsgeschichte" veröffentlicht, die im "Erziehungswerk" Adolf Hitlers gipfelte. Generationen von Lehramts-Studierenden haben aus den Darstellungen Nohls, Scheibes und Röhrs ihr Verständnis von Reformpädagogik entwickelt, ohne deren problematische gesellschaftliche Implikationen ahnen oder die zerschlagenen demokratischen, liberalen und sozialistischen Traditionen der Reformpädagogik, beispielsweise Karsenscher Prägung, kennenlernen zu können. Das Verdienst, die Nohlsche "Konstruktion pädagogischer Bewegungen" und das damit verbundene überhöhte Reformpädagogik-Verständnis einer gründlichen Revision unterzogen zu haben, kommt dem Berner Erziehungshistoriker Jürgen Oelkers zu. Seine "kritische Dogmengeschichte" legt zumindest drei wesentliche Schlußfolgerungen nahe: erstens den Verzicht auf jegliche "kulturkritisch", geschichtsphilosophisch oder gar pseudoreligiös überhöhte reformpädagogische Programmatik; zweitens: den reflektierten Umgang mit Vorstellungen wie "Kindgemäßheit", "kindliche Entwicklung" und "Selbsttätigkeit des Kindes", denen in der Vergangenheit oft - wie z.B. auch bei Maria Montessori - eine tendenziell biologistische Sichtweise des Menschen zugrunde lag, so dass soziale Erziehungsziele wie auch Entwicklung reflexiver Vernunft unterbelichtet blieben; drittens: den Abschied von Hoffnungen auf pädagogische Konzepte "für alle Fälle", seien sie kind-, erlebnis- oder ganzheitlichkeitszentriert. Eine Einordnung der Reformpädagogik in sozialgeschichtliche und gesellschaftspolitische Zusammenhänge fehlt allerdings auch bei Oelkers.
Die ersten beiden Folgen erschienen am 30. Dezember und 6. Januar.
Die vierte und letzte Folge enthält Empfehlungen zum Weiterlesen.
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Copyright © Frankfurter Rundschau 2000
Dokument erstellt am 19.01.2000 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 20.01.2000
Zum Weiterlesen
Weimarer Reformpädagogik und Nationalsozialismus (Folge II):
Amlung, Ullrich u.a. (Hrsg.): "Die alte Schule überwinden". Reformpädagogische Versuchsschulen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus. Frankfurt/M. 1993
ders.: "...in der Entscheidung gibt es keine Umwege", Adolf Reichwein 1898-1944. Zweite, verbesserte und erweiterte Auflage. Marburg 1999
Keim, Wolfgang: Erziehung unter der Nazi-Diktatur. Bd.1: Antidemokratische Potentiale, Machtantritt und Machtdurchsetzung; Bd.2: m Kriegsvorbereitung, Krieg und Holocaust. Darmstadt 1997
Radde, Gerd: Fritz Karsen. Ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit. eweiterte Neuausgabe. Mit dem "Bericht über den Vater" von Sonja arsen. Frankfurt /M. 1999
Rülcker, Tobias/Kaßner, Peter (Hrsg.): Peter Petersen: Antimoderne als Fortschritt? Erziehungswissenschaftliche Theorie und pädagogische Praxis or den Herausforderungen ihrer Zeit. Frankfurt /M. u.a. 1992
Rudolf Giesselmann: Geschichten von der Walkemühle. Bad Homburg 1997
Reformpädagogik nach 1945 (Folge III):
Lehberger, Reiner (Hrsg.): Schulen der Reformpädagogik nach 1945. Hamburg 1995 (Arbeitsstelle Hamburger Schulgeschichte/Hamburger Schulmuseum)
Oelkers, Jürgen: Reformpädagogik. Eine kritische Dogmengeschichte. 3. vollständig bearbeitete und erweiterte Auflage. Weinheim/München1996
Ausblick (Folge IV):
Bernhard, Armin: Demokratische Reformpädagogik und die Vision von der neuen Erziehung. Sozialgeschichtliche und bildungstheoretische Analysen zur Entschiedenen Schulreform. Frankfurt/ M. 1999.
Buddensiek, Wilfried: Grenzübergänge: Nachhaltiges Leben lernen. Konstruktive Rahmenbedingungen für die soziale Selbstorganisation in schulischen und außerschulischen Lern- und Lebensräumen. Universität Paderborn. Skript. 1999
Lingelbach, Karl-Christoph / Zimmer, Hasko (Hrsg.): Öffentliche Pädagogik vor der Jahrhundertwende: Herausforderungen, Widersprüche, Perspektiven. Jahrbuch für Pädagogik 1993. Frankfurt/ M. u. a. 1993.
Preuss-Lausitz, Ulf: Die Kinder des Jahrhunderts. Zur Pädagogik der Vielfalt im Jahr 2000. Beinheim/ Basel 1993.
Ratzki, Anne u. a. (Hrsg.): Team-Kleingruppen-Modell. Köln-Holweide. Theorie und Praxis. Frankfurt/ M. 1996.