¸¸Es gibt keine jugendlichen Monster''

Landtagsdebatte über Gewalt an Schulen - Einmütige Warnung vor Dramatisierung

Stuttgart - In einer Landtagsdebatte haben sich Vertreter aller Fraktionen gegen eine Dramatisierung von Gewalt an Schulen ausgesprochen.

VON JULIA GIERTZ

¸¸Wir müssen die Schule im Dorf lassen'', sagte der SPD-Abgeordnete Stephan Braun. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Dieter Salomon pflichtete ihm bei: Es gebe keine ¸¸jugendlichen Monster''. Diese Jugend sei nicht schlechter oder besser als andere Generationen vor ihr'', so Salomon.

Zwar sprach sich auch der Rep-Abgeordnete Ulrich Deuschle gegen eine Dramatisierung aus, warf den anderen Fraktionen aber Verharmlosung vor. Er forderte eine umfassende Studie über Jugendkriminalität in Baden-Württemberg. Die Schüler hätten ein Recht auf einen sicheren Schulbesuch.

Georg Wacker (CDU) rief die Republikaner auf: ¸¸Machen Sie die Jugend nicht zum Sündenbock unserer Gesellschaft.'' Die Gesamtzahl der Delikte gemessen an der Gesamtzahl der Schüler entspreche 0,24 Prozent. Der Liberale Dieter Kleinmann sprach von Gewalt an Schulen als ¸¸Spiegelbild der Gewalt in unserer Gesellschaft''. Gewalt an Schulen sei durch einen wachsenden Mangel an sozialen Bindungen, Erziehungsdefizite, unkontrollierten Medienkonsum und zunehmende Ich-Bezogenheit verursacht.

Kultusstaatssekretär Rudolf Köberle (CDU) forderte einen offenen Umgang der Schulen mit Gewalt. ¸¸Es ist besser, wenn eine Schule ganz offen über Probleme an der Schule redet, als wenn eine Schule öffentlich gut dasteht und vorhandene Probleme unter den Teppich kehrt.'' Gewalt müsse ein Dauerthema der Besprechungen in den schulischen Gremien sein.

Der SPD-Abgeordnete Braun sah dagegen Defizite in der Schulpolitik. So seien etwa Arbeitsgemeinschaften, Sprach- und Stützunterricht zurückgefahren worden. Zudem müsse die Unterrichtsversorgung endlich verlässlicher werden. Er machte darauf aufmerksam, dass junge Menschen eher Opfer als Täter seien. Drei von vier Polizeieinsätzen wegen Gewalt in Stuttgart gingen in die Familie. Dort herrsche oft das ¸¸Recht der Stärke, nicht die Stärke des Rechts''. Kinder und Jugendliche hätten das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung.

Salomon (Grüne) wies darauf hin, dass von 1,6 Millionen Schülern im Land nur 580 als Intensivtäter immer wieder aufgefallen seien. Darunter seien Deutsche, Aussiedler mit deutschem Pass und Ausländer. Die Landesregierung sei für Letztere ein Integrationskonzept schuldig geblieben. Zudem plädierte er für mehr Bewegungsmöglichkeiten für Schüler, damit überschüssige Energie verbraucht werden könne. Gewalt entstehe auch dadurch, dass Kinder nur stillsitzen müssten.

© Stuttgarter Nachrichten online - Stuttgart Internet 18.05.00

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