Hysterische Medien in einer Schwätzer-Gesellschaft

Provinziell, banal und sich tausendfach wiederholend – Klaus Harpprecht rechnet mit den Maßstäben von Fernsehen und Presse ab

Die "Jagd" auf Einschalt-Quoten im Fernsehen "wird immer nur härter, aggressiver, vulgärer und idiotischer werden", prophezeit der Publizist und "elder statesman" der Branche, Klaus Harpprecht. Die Medien genügten kaum noch ihrer Informationspflicht, hätten einen sehr eingeengten Blick auf Themen und berichteten immer kurzatmiger, kritisierte Harpprecht in einem Vortrag am 27. November beim 6. Mainzer Medien-Disput vor rund 500 Journalisten, Politikern und Medienschaffenden. Veranstalter waren eine unabhängige Journalistengruppe, die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Staatskanzlei Rheinland-Pfalz sowie die Landesanstalt für den privaten Rundfunk Rheinland-Pfalz. Die FR dokumentiert Harpprechts Rede ungekürzt.

Der Bundespräsident, der vor einigen Wochen im Berliner Schloss Bellevue die publizistische Prominenz zu einem Gespräch gebeten hat, erinnerte in seiner kleinen Eingangsrede daran, dass seit der Französischen Revolution, genauer: seit dem Aufbruch des angelsächsischen Bürgertums zu beiden Seiten des Atlantik, Demokratie und Medien zusammengehörten.

Der Hinweis auf diese Grundwahrheit ist verdienstvoll, aber sie bedarf einer Ergänzung: Auch die Feinde der Demokratie haben es gelernt, sich mit oft beklemmender Virtuosität der Medien zu bedienen. In den Anfängen des Fernsehens wurde gern behauptet, der Aufstieg Hitlers und seiner Stoßtrupps wäre unter den wachsamen Augen der Kameras nicht möglich gewesen. Das ist, fürchte ich, eine schöne Täuschung. Der Volkstribun bediente sich des Massenmediums jener Zeit, nämlich des Radios, mit frappantem Erfolg. Wir können heute seine belfernde Stimme, wenn sie uns in den historischen Chroniken begegnet, nur noch ertragen, wenn wir uns vorher mit einem Anti-Brechmittel immunisiert haben - und die Jungen, so weit sie nicht ihren Verstand so glatt rasierten wie ihre Köpfe, reagieren mit ungläubigem Lachen. Hitlers trommelnde Rhetorik entsprach dem Stil und der Unart jener Epoche, wenn auch nicht auf dem gesamten Erdkreis - nur an Franklin Roosevelt oder an Winston Churchill zu denken. Doch es gibt keinen Zweifel, dass er seine Propaganda-Technik den Gesetzen des Fernsehens angepasst hätte. Nahezu alle Diktatoren sind auf ihre Weise geniale Propagandisten.

Was die Macht der Bilder, der offiziellen Propaganda entgegen, zum Besseren auszurichten vermag, das hat der Vietnam-Krieg gezeigt, als das Elend verreckender Soldaten von den Kamera-Leuten des Fernsehens in jedes amerikanische Bürgerhaus transportiert wurde. Sie nährten damit die Ängste und den Zorn der Wähler, vor allem aber den Widerstand der jungen Protestgeneration. Sie waren es - und nicht nur die staatsmännische Einsicht von Doktor Kissinger -, die das Eingeständnis der Niederlage und den Rückzug erzwangen.

Im Machtrausch

Man fragt sich, ob die Bilder des Grauens am 11. September unsere Wirklichkeit mit einer noch böseren Radikalität verändert haben. Die Vernichtungsschläge der Terroristen, die so viele tausend Menschenleben kosteten, waren zuerst und zuletzt eine gewaltige Propaganda-Aktion der islamistischen Fanatiker, die das amerikanische Volk mit Furcht und Schrecken überziehen sollte. Das ist partiell gelungen. Aber der Effekt war nicht der kalkulierte: Vielmehr wurde der Terrorismus zum Weltfeind und Widersacher der Menschheit erklärt, und zwei Monate später hoben die Vereinigten Staaten die wichtigste seiner Bastionen aus. Die Medien, die der Autorität des tapferen Bürgermeisters Giuliani sofort nach der Katastrophe den Weg zu den Bürgern öffneten, erwiesen damit ihre Fähigkeit zu einer ordnenden Funktion im Dienst der Vernunft. Das also können sie auch.

Unsere Existenz ist, obwohl Amerika den Mythos der Unverletzbarkeit eingebüßt hat, durch den 11. September keine andere geworden. (In Wirklichkeit bewies der inneramerikanische Terrorismus durch seine mörderischen Anschläge lange zuvor, dass die völlige Sicherung des täglichen Daseins auch einer Supermacht nichts als die schiere Utopie ist.) Der Terror und die lähmende Furcht, die vom Terror ausgeht, waren stets das wirksamste Instrument totalitärer Propaganda, ohne die keine Diktatur allzu lange überleben könnte.

Umgekehrt: Die konkurrierende Vielzahl der Stimmen und Bilder bietet der Freiheit, der Demokratie, dem Recht einen gewissen Schutz. Man sollte sich freilich nicht allzu naiv auf ihn verlassen. Die Konzentration der Medienmacht unter der Kontrolle autoritärer Geister bleibt eine latente Gefahr: Siehe den Versuch unseres Nachbarn Berlusconi, die Instrumente des öffentlichen Fernsehens in Italien, die sich bisher seiner Aufsicht entzogen, Schritt für Schritt zur Gleichschaltung zu zwingen oder ihren Einfluss auf eine verschwindende Minderheit zu reduzieren - eine Entwicklung, die längst Anlass zu einem schmetternden Nein der Europäischen Kommission in Brüssel, zu einem Protest des Ministerrates der Union oder zu einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof hätte geben sollen. Leider blieben die Institutionen der Europäischen Union bis heute still und stumm.

Eine zweite Gefahr: die schleichende Machtergreifung einer so genannten Mediokratie, die - wie ich fürchte - dem Ursprung des Wortes nach mehr mit Mediokrität als mit einer Meritokratie zu tun hat. Die Dirigenten der Medien, ihre Reporter, Redakteure, ihre Moderatoren, ihre Stars geraten ohne Zweifel von Zeit zu Zeit in Versuchung, sich als die eigentlichen Lenker des Volkswillens zu betrachten, das heißt aber: als die Grundquelle der Macht. Das Selbstgefühl prominenter Kollegen ist nicht immer gegen diese Verführung gewappnet, obwohl sie sich einer Illusion hingeben, denn noch sind die Entscheidungen der legitim Verantwortlichen, der Parlamente und der Regierungen nicht völlig dem Diktat der artifiziell produzierten Stimmungen und der Meinungsumfragen unterworfen - obschon sie immer mehr zu einem der wichtigsten Kriterien werden, an denen die Parteien und ihre Strategen ihre Programme, aber auch konkreten Regierungsbeschlüsse messen. Hier kann man nur warnen und immer nur warnen: uns selbst und die Regenten der politischen Klasse, mehr und mehr aber auch die Kommandeure der Wirtschafts-, der Finanz- und der Gewerkschaftseliten, deren sogenannte Strategien immer kurzatmiger zu werden drohen, auf den täglichen taktischen Vorteil bedacht, selten mehr einer weitsichtigen Planung unterworfen. Eine zweite, nur virtuelle Realität droht der Wirklichkeit davonzulaufen, unsägliche Konfusionen produzierend. Doch schließlich: Die wuchernde Medienmacht könnte an sich selbst ersticken. Hustenanfälle gibt es genug. Wir haben uns allesamt daran gewöhnt, hier und jenseits des Atlantiks, links und rechts des Rheins, von unablässig schäumenden Wort- und Bildkaskaden überschüttet zu werden, ja wir drohen in den Fluten der inflationär gewordenen Worte und Bilder unterzugehen. Aber fügen sich - in den abertausend Radio- und Fernsehprogrammen, in der Schwemme der Talkshows, in den Geröllmassen der Zeitungen, der Magazine, der Bücher, auf den Strömen des Internet - die Worte noch zu Sprachen, die den Namen verdienen, und zu Bildern, die sich sinnvoll zusammenfügen? Haben wir nicht längst vor dem Terror der Ersatzsprachen kapituliert: dem Sozio-, dem Psycho-, dem Kathederpathos der Universitäten, dem Techno-, dem Werbe-, dem Polit-, dem Militär-, dem Behördenjargon, dem Müll, der aus dem marxistischen Standard-Vokabular und aus den nazistischen Vulgär-Phrasen in den düsteren Ecken unserer Häuser herumliegt? Überdeckt das babylonische Gewirr der Stimmen nicht in Wirklichkeit einen Zustand der Sprachlosigkeit, den auch die Literatur nur noch in Glücksfällen zu überwinden vermag? Sind wir nicht längst allesamt - ob als Stars oder bloßes Fußvolk - zu armseligen Geschöpfen der "Chattering Class", der Schwätzer-Gesellschaft, geworden?

Sind die Worte, ist nicht das Wort selbst - das nach dem Evangelium des Johannes "im Anfang" war - vor allem in dem reißenden Chaos der Bilder versackt? Und werden die Bilder nicht immer stereotyper, in millionenfacher Wiederholung verschlissen? Ein fast beliebiges Beispiel: Die BSE-Krise, die in Deutschland Anlass zu einem hysterischen Veitstanz (vor allem der Medien) wurde, verbannte sämtliche Kamerateams der öffentlichen und privaten Fernsehanstalten für lange Wochen in die Ställe Bayerns und Schleswig-Holsteins, und es gab kaum eine Kuh, ob wahnsinnig oder normal, die nicht von den immer hungrigen Linsen portraitiert worden wäre - jedes Rindvieh erlebte so die prophetische Wahrheit Andy Warhols, dass uns die modernen Medien allesamt für drei oder fünf oder fünfzehn Minuten berühmt machen würden. Unverzüglich folgte die Urankrise. Nun sehen wir, aus wichtigerem Grund, nur noch Turbane und das Gefuchtel mit Maschinenpistolen, Kampfmaschinen, die von den Decks der Flugzeugträger bin Laden entgegengeschleudert werden. Darüber hinaus: So viel Islam war nie. Morgen wird er wieder von den Bildschirmen und aus den Schlagzeilen verdrängt sein.

Man hat uns versprochen, durch die "globale Vernetzung" werde unser tägliches Leben mit schöner Zwangsläufigkeit internationalisiert. Aber ist das wahr? Wer die Gelegenheit wahrnehmen kann, mit einiger Regelmäßigkeit die Fernseh-Nachrichten in den Vereinigten Staaten, in Frankreich und in Deutschland zu vergleichen, wird rasch zu der Einsicht gelangen, dass dieses modernste aller Medien, das uns in Sekundenschnelle zu vermitteln vermag, was sich in Feuerland, in Vancouver, in Novosibirsk, in Port Madeleine oder in Nürtingen am Neckar zuträgt, in allen drei Ländern von Jahr zu Jahr provinzieller geworden ist; es sei denn, wir würden von einer Krise à la Manhattan und Afghanistan heimgesucht.

Der Anteil der internationalen Berichte an den prominenten Nachrichtenprogrammen des amerikanischen Fernsehens beträgt etwa acht Prozent. Die französischen und die deutschen Sendungen bieten eine nicht ganz so beschämende Auskunft, aber auch bei uns ist der Blick der Redakteure und der Moderatoren für gewöhnlich starr auf die Ereignisse und Persönlichkeiten der nationalen Politik gerichtet. Die TV-Journalisten der Vereinigten Staaten können entschuldigend darauf hinweisen, dass ihr Land ein Kontinent in sich selber sei.

Kommerzieller Erfolg entscheidet

Wir aber können nicht behaupten, dass unser Journalismus, gleichviel ob in Frankreich oder Deutschland, dem europäischen Fortschritt entschlossen nachgeeilt sei. Brüssel und erst recht das Europäische Parlament in Straßburg fristen eine Schattenexistenz in den Nachrichten-Sendungen, obschon selbst ein ausgewiesener Euro-Skeptiker wie der bayrische Regierungschef Edmund Stoiber mit bemerkenswertem Realismus feststellte, dass an die siebzig Prozent der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen, die unsere Bürger angehen, nicht in der National-Versammlung, im Hotel Matignon oder im Palais d'Elysée, nicht im Bundestag, nicht im Berliner Kanzleramt, schon gar nicht in den Länder- oder Regional-Parlamenten getroffen werden, sondern in Brüssel und in Straßburg.

Die Erklärung für die frappante Diskrepanz zwischen der Medien-Realität und der politisch-sozialen Wirklichkeit ist beunruhigend. Sie könnte zu einem Teil von der provinziellen Beengtheit der Medien-Operateure bedingt sein, aber auch von den Rücksichten auf die nationale Klientel in den Parteien, den Regierungen, den Verwaltungen, den Parlamenten, den Gewerkschaften, den Berufsverbänden, die - hier wie dort - über die Machtverhältnisse und über die Karrieren in den Funkhäusern ein Wort mitzureden haben. Sie wollen gesehen und gehört werden. Ein bretonischer Fischer hat, wir wissen es wohl, in einem deutschen Fernseh- und Rundfunkrat keine Stimme, und die Meinung eines niedersächsischen Volkswagen-Technikers zählt in den audiovisuellen Gremien Frankreichs nicht viel.

In den Vereinigten Staaten brauchen die Medien-Gewaltigen auf die Regierung, die Parteien, die Institutionen keine Rücksicht zu nehmen: Es entscheidet der kommerzielle Erfolg und, bis zu einem gewissen Grade, das öffentliche Interesse. Die klassischen Networks - NBC, CBS und ABC - schlugen bei der Wahl zwischen Qualität und unterhaltsamer Quantität den Weg des geringsten Widerstandes ein. Doch sie erreichen, so sehr sie ihr Niveau nach unten schraubten, heute nur noch eine Minderheit der landesweiten Zuschauerschaft, wenngleich eine starke.

Es ist kaum mehr vorstellbar, dass in meinen amerikanischen Anfangsjahren, von 1958 an, die NBC an jedem Sonntagnachmittag, den Gott gab, eine Shakespeare-Hour ausstrahlte: Glanzvolle Aufführungen, die aus Großbritannien übernommen oder in eigener Regie produziert wurden. Knapp zwei Jahrzehnte später, als sich fast über Nacht, die ewige dritte der Konkurrentinnen, die ABC an die Spitze der Konkurrenz durchboxte, erklärte einer der Vizepräsidenten des Unternehmens, der Aufstieg verdanke sich keineswegs dem Triumph einiger besonders erfolgreicher Serien: Nein, das Geheimnis ist, rief er ohne eine Spur der Scham, dass wir den Intelligenz-Anspruch der Durchschnittsprogramme, der zuvor auf die Gehirne der Elf- bis Zwölfjährigen zugeschnitten war, auf das Fassungsvermögen von Neunjährigen herabgesetzt haben. Nicht in den Kinderprogrammen, wohlverstanden. Ist es bei uns sehr viel anders?

Zwischen dem sechsten und dem achtzehnten Lebensjahr hocken die jungen Amerikaner etwa dreißig Stunden pro Woche vor der Glotze: Das sind 1500 Stunden pro Jahr, 15 000 Stunden in einem Jahrzehnt - video ergo sum. Das Format der Programme kommt dem Mangel an Konzentrationsfähigkeit der jungen (und alten) Menschen immer weiter entgegen: Der Schnittrhythmus entspricht längst nicht mehr der so genannten Aufmerksamkeitsspanne von acht bis zehn Sekunden, sondern wurde auf drei oder vier Sekunden gesenkt: ein Circulus vitiosus. Ich wage nicht, mir auszudenken, welchen Intelligenz-Quotienten die heutigen Programme der amerikanischen TV-Industrie voraussetzen. Vielleicht werden sie erst zufrieden sein, wenn sich sabbernde Säuglinge, die vor der Scheibe in ihren Windeln strampeln, als die ideale Zielgruppe der Werbung erweisen, deren Unterbewusstsein nach Belieben formbar ist, wie es die Psyche der Erwachsenen und der Heranwachsenden schon heute zu sein scheint: durch die sogenannten Talkshows primitivsten Zuschnitts, die an die miserabelsten Instinkte unserer Mitmenschheit appellieren, oft genug in Keif- und Prügelszenen ausartend, unter dem johlenden Vergnügen der Zuschauer, durch die stereotypen Gewaltszenen, die selbstverständlich infektuös wirken, was immer man uns über die angebliche Ableitungsfunktion einreden will, durch die bizarren horror movies, die ganz gewiß nicht geeignet sind, die Denkfähigkeit zu trainieren, durch die chronische Banalisierung der Sexualität, die junge Leute um die schönsten und kostbarsten Erfahrungen unseres menschlichen Daseins betrügt.

Nur gibt es das alles bei uns auch. Spätestens mit dem Einbruch des privat-kommerziellen Fernsehens in unsere europäische Welt sank der Widerstand gegen das Diktat der Zuschauerquote auch bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland und den regierungskontrollierten Kanälen in Frankreich ruhmlos in sich zusammen. Die Teilfinanzierung durch die Werbung gibt keine hinreichende Auskunft für die weitgehende und beschämende Preisgabe des so genannten Kultur- und Informationsauftrags, der nur noch spät in der Nacht, wenn die Mehrheit des Publikums längst in den Federn liegt, eine begrenzte Geltung genießt: Selbst Unterhaltungsprogramme von der Qualität und dem Witz der Klein-Mafia-Serie "Die Sopranos", in Amerika mit Preisen überhäuft, werden bei uns nur als Nachtschattengewächs geduldet.

Um das Schlimmste nicht zu verschweigen: Auch die Nachrichten-Sendungen gaben in Deutschland wie in Frankreich der amerikanischen Versuchung des Infotainment ohne erkennbaren Zwang immer weiter nach. Nicht nur die Kommentare der Korrespondenten werden knapper und knapper - neunzig Sekunden gelten in der Branche schon als eine Ewigkeit -, nicht nur die zitierten Äußerungen der Zeitzeugen und der Politiker werden mit taktloser Brutalität zu immer kürzeren Stummelsätzen zerhackt: Auch die Aufmachung und der Inhalt gleichen sich in wachsendem Maße den Boulevard-Blättern an. Der Prozess der Deformation setzt sich durch die Kleinteiligkeit, die Kurzatmigkeit, die Disko-Illuminierung der historischen Programme fort, bei denen die Aufklärung oft genug im Wirbel der Unterhaltungstechnik zu Grunde geht.

Die Gretchenfrage: Kann die Presse den Schaden auch nur halbwegs ausgleichen oder gar wieder gutmachen? Zweifel sind angebracht. In den Vereinigten Staaten sanken manche der Provinz-Zeitungen, die einst einen großen Ruf genossen - die Times Picayune in New Orleans oder die Atlanta Constitution -, zu Unterhaltungs- und Lokalblättern unterschiedlichen Niveaus ab. Zeitungen, die das Verlangen nach umfassender Information, nach Bildung, nach Qualität erfüllen, lassen sich an einer Hand aufzählen: die New York Times natürlich, die Washington Post, die Los Angeles Times, das Wallstreet Journal: Alle in ihrem Bereich konkurrenzlos, was den Redaktionen nicht immer zuträglich ist - am wenigsten der Washington Post, die von der Regierung und vom Kongress so sehr hofiert wird wie die New York Times und überdies seit Watergate gefürchtet: dieser epochalen Glanztat des "investigativen Journalismus", der seitdem zu viele Jung-Reporter dazu anstachelte, es den Helden Woodward und Bernstein gleichzutun, indem sie in weiß der Himmel welchen Kellergelassen nach klappernden Skeletten oder nach wohlgepolsterten Monicas suchen.

Redakteure, Reporter und vor allem die Leser jener Blätter betrachten sich als Mitglieder einer Elite (was sie vermutlich auch sind). Zu ihnen gesellen sich die Hörer des public radio-network, das brillante Informationsprogramme, klassische Musik-, Jazz- und Folklore-Sendungen, gelegentlich auch Literatur-Debatten oder Lesungen produziert. Schließlich: das public TV, das sich - wie das öffentliche Radio - durch Spenden, durch Sponsoring und bescheidene Zuwendungen der Städte oder der Staaten finanziert. Die lokal verankerten Sender liefern trotz ihrer dürftigen Mittel - oder gerade deswegen? - Programme, die den Vergleich mit Arte oder 3sat nicht zu scheuen brauchen. Sie erreichen nicht mehr als - im Höchstfall - drei Prozent der Zuschauer (aber das sind insgesamt immer noch mehr als sieben Millionen Menschen). Es ist just jenes Publikum, das auch die großen Zeitungen, Magazine wie den New Yorker (mit einer Auflage von mehr als 600 000), das anspruchsvolle Bücher liest, ins Theater, ins Konzert, gelegentlich in die Oper geht (und jene Institutionen durch kleine und große Stiftungen am Leben hält).

Ordinäre Langeweile

Wir Europäer japsen und tapsen den gesellschaftlichen Entwicklungen in Amerika stets im Abstand von fünf oder zehn Jahren hinterher. Parallelen indes sind sichtbar. Le Monde und Figaro, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung sind bei uns, gottlob, nicht nur einsame Inseln der Qualität, während die Welt immer aufs Neue gegen die Tendenz der "Verwamsung" zu kämpfen hat. Noch behauptet sich - diesseits und jenseits des Rheins - eine Regionalpresse, die ein beträchtliches Niveau hält. Indes, die Zahl der Zeitungen und die Auflagen sind in der Regel geringer geworden - nicht wesentlich, noch nicht -, und sie geraten zunehmend unter den Druck der Billigkonkurrenz.

Dazu die großen Wochen-Magazine, die der Pflicht zur intellektuellen und kulturellen Stimulans nicht aus dem Wege gehen. Wirtschaftsmagazine, die über diesen zentralen Bereich im Dasein informieren, arbeiten mit unterschiedlichem Glück. Die Spezialisierung auf enge Themen schuf neue Märkte. Dafür vegetieren unsere politischen und literarischen Zeitschriften in kümmerlichen Auflagen dahin. Nichts, das sich mit der sonntäglichen Book Review der New York Times (mit gut einer Million Auflage), nichts, was sich mit der New York Review of Books vergleichen ließe, ein Blatt hohen Anspruchs, das weit mehr als 100 000 Exemplare verkauft - zweimal im Monat.

Die Anzeigenflaute als Konsequenz der schleppenden Konjunktur, die womöglich zu einer formidablen Rezession wird, lässt uns nichts Gutes ahnen. Manche hochgemute Investition der vergangenen Jahre und Monate könnte in einem Marasmus versacken. Es wäre die blanke Narrheit zu glauben, dass der partielle Rückzug der Werbung auch aus dem kommerziellen Fernsehen - die amerikanischen Networks entließen viele tausend Mitarbeiter - unsere ohnedies blassen Hoffnungen beflügeln könnte, dass am Ende das gedruckte Wort davon profitiere. Die Jagd auf die Quote wird immer nur härter, aggressiver, vulgärer und idiotischer werden.

Man kann nicht vorgeben, dass sich unser Fernsehen - ob privat oder öffentlich - dem fatalen Sog des Ratings entzöge. Wir haben es, zumal in Deutschland, mit monströsen Produkten ordinärer Langeweile wie den "live soaps" nach Art des "Big Brother" ziemlich weit gebracht. Doch wir dürfen uns ein wenig trösten: Noch bietet die Vielzahl der "Dritten Programme" mit der klassischen Dokumentation, dem Fernsehdrama, den besseren Filmen eine Chance, noch gibt es arte, das in Frankreich übrigens viermal so viele Zuschauer findet wie in Deutschland. Allerdings existiert drüben kein Phönix-Programm, das sich bei uns freilich nicht nur um Berlin, sondern intensiv um Brüssel und Straßburg kümmern sollte. Es gibt auch die zweiten, die dritten, die vierten und fünften Programme der Radio-Stationen, die gegen wachsenden Druck in Richtung "Klassik light" und Hop-hop-Magazine tapfer und vermutlich auf verlorenem Posten einen gewissen Kultur-Standard verteidigen.

Wir wissen es wohl: Die Zuschauerzahlen der Qualitätsprogramme sind auch bei uns eng begrenzt. Nicht anders als in Amerika entsteht, wenn ich mich nicht täusche, in Europa eine neue Klassengesellschaft: eine schmale Bildungselite, die bedeutende Felder der Macht kontrolliert, neben ihr eine breitere technische Elite, die über ihre Managementfunktion in der Wirtschaft, später wohl auch in der Politik, die gesellschaftlichen Entwicklungen in wesentlichen Zügen bestimmt; darunter die breite Mittelschicht, die sich außerhalb ihrer professionellen Pflichten auf sinkendem Niveau fast nur noch unterhalten lässt; schließlich ein Bodensatz von Analphabeten, deren Zahl in Deutschland wie in Frankreich eher zu wachsen scheint.

Ich fürchte, die neue Klassengesellschaft könnte in vieler Hinsicht grausamer und härter sein als die alte, die sich auf Besitz, auf Geld oder Titel gründete, weil sie nicht nur die materielle, sondern die geistige und psychische Lebensqualität bestimmt. Es ist kein Trost, dass selbst inmitten der Eliten, der so genannten, eine Schicht Halbanalphabeten gedeiht. Eine Beobachtung nicht am Rande: In einem der beiden zweisprachigen Gymnasien einer stolzen Hansestadt wurde kürzlich festgestellt, dass vierzig Prozent der sechzehnjährigen Schüler keinen Schimmer hatten, wer Willy Brandt gewesen sein könnte. Es scheint, dass die Medien insgesamt ihre Informationspflicht entgegen aller Schwüre nicht erfüllen - von den Elternhäusern zu schweigen.

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Dokument erstellt am 02.12.2001 um 21:07:17 Uhr

Erscheinungsdatum 30.11.2001