Frankfurter Rundschau

Täglich Fleisch, aber Brotmangel

Worldwatch: Reiche essen sich krank, Arme hungern Von Martin Winter (Washington)

Der Trend zum Fleischkonsum ist weltweit ungebrochen. Das kann, warnt das Worldwatch Institut, zu dramatischen Umweltschäden und zu einem erheblichen Anstieg der Plagen der Moderne wie Krebs oder Herzerkrankungen führen.

 In den vergangenen 50 Jahren hat sich die globale Produktion von Fleisch von 44 auf 211 Millionen Tonnen pro Jahr fast verfünffacht, heißt es in einem von dem Institut jetzt vorgelegten Bericht. Dabei liegen die US-Amerikaner mit einem durchschnittlichen jährlichen Verzehr pro Person von 123 Kilogramm weit vor allen anderen Nationen. Das sei keine gerade leuchtendes Beispiel für "amerikanische Führerschaft", meint dazu der Autor des Berichtes Brian Halweil. In der Europäischen Union liegt der Konsum bei 86 kg, was exakt dem Durchschnittsverzehr in Deutschland entspricht. Ganz am Ende der Skala findet sich Indonesien mit zwei Kilogramm pro Kopf.

Die Zahl des Schlachtviehs ist inzwischen mehr als doppelt so groß wie die Zahl der Menschen auf der Welt: 1 Milliarde Schweine, 1,3 Milliarden Rinder, 1,8 Milliarden Schafe und Ziegen und 13,5 Milliarden Hühner. Gründe für den Anstieg des Fleischkonsums sieht Halweil zum einen darin, daß der Wohlstand der Industrienationen auch breiten Schichten den Konsum von Fleisch ermöglichte, der im vergangenen Jahrhundert noch ein Privileg der Reichen war. Zum anderen machen immer mehr Länder der Dritten Welt ökonomische Fortschritte, was höheren Fleischkonsum nach sich zieht. Trotzdem ist der Fleischkonsum auf bestimmte Länder und Kontinente konzentriert: Die USA und China zusammengenommen stellen zum Beispiel nur 25 Prozent der Weltbevölkerung, verspeisen aber 35 Prozent der Weltproduktion an Rindfleisch, 50 Prozent der von Geflügel und 65 Prozent der von Schweinefleisch.

Für die Ernährungslage der Welt hat der wachsende Fleischkonsum bedenkliche Folgen. Da die vorhandenen Weideflächen längst nicht mehr ausreichen, wird mehr und mehr Schlachtvieh mit Getreide gemästet. Zur Zeit landen dem Bericht zufolge 36 Prozent der Weltgetreidernte in den Futtertrögen. Getreide, das der Ernährung der Armen und Hungrigen, die rund ein Sechstel der Weltbevölkerung ausmachen, entzogen wird. Die Relation zwischen Futtergetreide und Fleisch ist nach Halweils Angaben im übrigen miserabel: Um das Fleisch für einen handelsüblichen Hamburger herzustellen, muß soviel Getreide verfüttert werden wie sonst für drei Laib Bot ausreicht.

Die zunehmende Intensivhaltung von Schlachttieren — etwa in Hühnerfabriken — hat zwei direkte zerstörerische Auswirkungen auf die Umwelt: Auf der einen Seite werden funktionierende Ökosysteme vernichtet, um Platz für Getreideanbau zu schaffen. Zum anderen vergiften die Exkremente der Schlachttiere zunehmend Grund- und Oberflächenwasser. Unter anderem darauf wurde ein dramatisches Fischsterben im vergangenen Jahr in der Chesapeake Bay bei Washington zurückgeführt. Für Halweil steht auch außer Zweifel, daß der wachsende Fleischkonsum eine Gesundheitskatastrophe einleitet. Fleisch und andere tierische Produkte im Übermaß lasse die Zahl der Herz- und Krebserkrankungen nachweisbar ansteigen. Angesichts dieser Lage müsse man dem Fleischverzehr gegenüber eine Politik analog dem Kampf gegen den Tabak entwickeln.