Von Keksen und Computern
Den Schulen fehlt das Geld, das Sponsoren haben - eine Beziehung mit Risiken
und Nebenwirkungen
Von Yvonne Globert
Die Krankheit lässt sich nicht leugnen. Zu offensichtlich sind die Symptome
jener chronischen Unterfinanzierung, unter der die Schulen leiden. Wo altersschwache
Bücher auseinander fallen und Putz von den Wänden bröckelt, soll
es die Wirtschaft richten. Allein in Nordrhein-Westfalen kooperiert ein Drittel
aller allgemein bildenden Schulen mit einem Unternehmen. Glaubt man den 750
Vertretern aus Schule, Verwaltung und Politik, die beim Jahreskongress der Stiftung
Partner für Schule NRW Anfang April zusammenkamen, dann ist Sponsoring
ein Wundermittel. Dabei hat es wie jede Arznei Risiken und Nebenwirkungen.
Seit die Telekom Mitte der 90er Jahre versprach, zehntausende Schulen ans Internet
zu koppeln, öffnen sich immer mehr von ihnen der Wirtschaft. Rund 5000
Fördervereine nehmen pro Jahr 140 Millionen Euro ein, der größte
Teil stammt von Spendern und Sponsoren.
Große Unternehmen sind dabei
Namhafte Unternehmen haben das Bildungssponsoring entdeckt. Die Logistikgruppe
UPS stiftet 58000 Euro für Schreib- und Lesekurse und lässt marode
Klassenräume renovieren, obwohl dies eigentlich Aufgabe des Schulträgers
wäre. Der Pharmariese Merck stellt Chemikalien und Geräte zur Verfügung.
Wer sich als Lehrer am PC schulen will, kommt nicht am Computerchip-Produzenten
Intel vorbei.
Umsonst ist das nicht. Denn im Gegenzug lassen Unternehmen in der Schülerzeitung
oder der örtlichen Presse darüber reden, wenn sie Gutes tun. Viele
reizt ferner die Möglichkeit, hoffnungsvollen Nachwuchs über Praktika
zu rekrutieren. Der aber findet sich vor allem dort, wo es bereits ohne Sponsor
läuft, weil das soziale Umfeld stimmt und die Schüler eine gute Ausbildung
genießen.
Entsprechend fördern Unternehmen bevorzugt Gymnasien und Gesamtschulen.
Haupt- und Förderschulen geraten nach einer aktuellen Umfrage der Stiftung
Partner für Schule NRW ins Hintertreffen. "Das soziale Gefälle
ist vorgezeichnet", kritisiert der Präsident des Deutschen Lehrerverbands,
Josef Kraus.
Ein anderes Problem: In den Landesschulgesetzen finden sich nur vage Auflagen
dazu, wie weit die Schulen und ihre privaten Financiers das Spiel des wechselseitigen
Gebens und Nehmens treiben dürfen. Hinweise auf einen Sponsor, so heißt
es in den meisten Ländern lapidar, müssen mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag
der Schulen vereinbar sein. So schwammig der Grundsatz, so sehr weichen in der
Praxis die Grenzen zwischen Sponsoring und Werbung auf. Wohl auch mit Blick
auf seinen löchrigen Haushalt setzte das Land Berlin 1997 dem grundsätzlichen
Werbeverbot an Schulen ein Ende. Andere Länder folgten.
Taschengeld im Blick
Werbung findet heute ihren Weg zur Schule. Anbieter wie die "spread blue
media group", eine Agentur für Schülerzeitungswerbung, machen
dabei keinen Hehl daraus, dass es ihnen vor allem um das Taschengeld der Kinder
und Jugendlichen geht. Schätzungen dazu variieren: Die Verbraucherzentralen
beziffern die Kaufkraft aller Schüler zwischen zehn und 19 Jahren (geschätzt
wird ihre Zahl auf acht Millionen) auf 14,5 Milliarden Euro. Die "media
group" setzt vorsichtiger an und geht davon aus, dass 13 Millionen Schüler
über acht Milliarden Euro verfügen.
Genug, um Kunden auf einen "wahrhaft zukunftsträchtigen Markt"
hinzuweisen. An Schulen verbringen Kinder und Jugendliche mindestens einen halben
Tag. "Hier können sie der Werbung nicht entfliehen", so Peter
Gnielczyk vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV). Der Einkesselungsversuch
kommt der Politik seiner Meinung nach nicht ungelegen. "Weil den Ländern
das Geld fehlt, haben sie nichts dagegen, dass sich die Schulen ein Stück
weit verkaufen."
So versuchen auch Anbieter mit zweifelhaften Methoden einen Fuß ins Klassenzimmer
zu bekommen. Fotografen locken mit der Spende eines Laptops, den es nur gibt,
wenn Eltern ihnen regelmäßig einen Satz Schülerfotos abnehmen.
Die Bahlsen GmbH ruft im Internet zum "Sammeln für die Klassenfahrt"
auf. Wer Schokoplätzchen kauft, kann Punkte für einen Ausflug sammeln.
Da Kekswerbung aus Sicht des VZBV nichts in Schulen zu suchen hat, will er die
Aktion per Gericht stoppen lassen.
Bis zur Staatsanwaltschaft in Essen schaffte es bereits eine Kampagne des Freizeitcenters
"Movie Park Germany" in Bottrop. Der geriet jüngst in die Schlagzeilen,
weil er Gutscheine im Wert von 250 Euro an Lehrer verteilen ließ und so
für einen Klassenbesuch warb. Gegen 219 Pädagogen wird nun wegen Vorteilsannahme
ermittelt.
Fr, 25.4.05