Endlich Nicht-schwimmer!
Von Jess Jochimsen
Und heute mal
was für notorische Leserbriefschreiber: Ein völlig unsystematisches,
streng populistisches und ideologisch verbrämtes Plädoyer, das mit
dem Titel nichts zu tun hat. Also los geht's:
1.) Eine Errungenschaft der Demokraten in der 1848er Revolution war das Durchsetzen
der öffentlichen Raucherlaubnis. Die Demokraten von 2006 vergeigen das
jetzt.
2.) Rauchen ist ungesunder, hochtaxierter Luxus. Nichtrauchen ist Steuerhinterziehung
und führt zu Überalterung der Gesellschaft.
3.) Als Erfinder des Rauchens gelten die Indianer, Stichwort "Friedenspfeife".
Rauchen ist also eine zutiefst pazifistische Angelegenheit. (Kolumbus hat den
Tabak nach Europa gebracht. Dass er nebenbei Amerika entdeckt hat, hätte
nicht sein müssen, aber für die Raucherei gebührt ihm Dank.)
4.) Bei den ersten olympischen Winterspielen, 1924, war das Rauchen beim Bobfahren
noch erlaubt. (Während des Bobfahrens, wohlgemerkt! Kann man sich heute
gar nicht mehr vorstellen, Hacklschorsch!)
5.) Menschen, die andere Menschen zum Rauchen auf den Balkon bitten, tragen
Socken in Sandalen, schicken Kettenbriefe weiter und malen über ihre "i"s
kleine Kreise
- Nicht aufregen jetzt! Ich hör' ja schon auf. Und
akzeptiere klaglos das "rauchfreie Bordbistro" und den "Nichtraucherbahnhof",
obwohl schon die Wörter schlimm sind.
Aber unter uns: Rauchen macht halt Spaß, auch und gerade dort, wo es untersagt
ist. Eben auf deutschen Bahnsteigen, weil da immer diese selbsternannten Aufpasser
rumstehen. Auf deutschen Bahnsteigen braucht man gar nicht zu rauchen, es reicht
schon, sich suchend die Manteltaschen abzuklopfen, schon kommt einer und sagt:
"Sie dürfen hier aber nicht rauchen!" - "Sie dürfen
hier aber nicht rauchen!" Das ist ein germanischer Reflex, eine ABM für
Blockwarte. "Sie dürfen hier aber nicht rauchen!"
Erinnert sich noch jemand an den Film "The good, the bad and the ugly -
Zwei glorreiche Halunken"? Da gibt's diese großartige Szene mit Clint
Eastwood
Ja, davon träume ich: Wenn wieder so ein Bahnsteigaufpasser kommt, "Sie
dürfen hier aber nicht rauchen!"
dann, wie Clint Eastwood in
dem Film, eine Kippe anzünden, und zwar langsam, ganz langsam, ein paar
mal tief inhalieren und dann mit tiefer Stimmer sagen: "Hier, nimm mal
nen Zug. - Kannste besser kacken!"
Ein Traum wär's schon
6.) Helmut Schmidt.
7.) Die Zigarette danach!
8.) "Drei Tage war der Frosch so krank! / Jetzt raucht er wieder, Gott
sei Dank!"
Jess Jochimsen, 1970 in München
geboren, lebt als Autor und Kabarettist in Freiburg. Zuletzt erschien sein Roman
"Bellboy oder ich schulde Paul einen Sommer" im Deutschen Taschenbuch-Verlag.
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 272)
Datum: Mittwoch, den 22. November 2006