Kooperation geht durch den Magen
(Förderschüler bekochen zukünftige FörderschulllehrInnen am Staatlichen Seminar für Schulpädagogik)

Hasenbergschule
Bebelstr. 28, 70193 Stuttgart, Fon 0711 612601 Fax 0711 6361573
Email: hasi@hasi.s.bw.schule.de
http://www.hasi.s.bw.schule.de
c/o Stefan Antoni
Die Klassen sind erreichbar unter
http://www.hasi.s.bw.schule.de/kl9.htm
bzw. http://www.hasi.s.bw.schule.de/kl8_9.htm
Publikationen hierzu:
Die Zulassungsarbeit von Frau Ensslin, Referendarin in Klasse 9 beschäftigt sich in Teilen mit dem Thema.
URL: http://www.hasi.s.bw.schule.de/lehr6.htm und hier die Datei zula.zip.
Der Minimallehrplan Oberstufe Hasenbergschule: http://www.hasi.s.bw.schule.de/lehr2c.htm .
Seit über einem Jahr beschäftigen sich Teile des Kollegiums der Hasenbergschule mit der notwendigen Reform der Oberstufe (mit den traditionellen schulischen Inhalten sind unsere SchülerInnen nicht mehr qualifizierbar und damit nicht mehr "am Markt" unterzubringen. Ausbildungsbedürfnisse der Wirtschaft und Lernvoraussetzungen der SchülerInnen haben sich auseinander entwickelt).
Aus diesem Grunde wurde der Minimallehrplan der Oberstufe der Hasenbergschule entwickelt (http://www.hasi.s.bw.schule.de/lehr2c.htm). Es wurde auch nach Möglichkeiten gesucht, die Schule zu öffnen um die Jugendlichen auf gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen vorzubereiten.
Folgende Leitideen haben sich herauskristallisiert:
Diese Leitideen werden im Unterricht wirksam, sie verändern Organisation und Unterrichtsstruktur der Oberstufe. Arbeitszeiten, Gruppeneinteilungen, Stundentafel müssen flexibel gehandhabt werden.
Umgesetzt werden diese Leitideen seit einem Jahr an der Oberstufe der Hasenbergschule v.a. in den folgenden 3 Bereichen:
Den 3 Bereichen gemeinsam ist der Einsatz des Bildungsmittels Arbeit, Situations- und Problembezogenheit."Learning and Earning", wie eine andere Schule ihren Arbeitseinsatz bezeichnet, bietet den Jugendlichen die Möglichkeit, Eigeninitiative zu entwickeln sowie unternehmerisches Denken und Handeln im Team zu erproben.
Einschätzung von Herr Heimes, Staatliches Seminar für Schulpädagogik:
Die Förderschule, aus der die Schüler für das Koch Projekt kommen und das seit über einem Jahr nur durch die Ferienzeiten unterbrochen zweimal wöchentlich stattfindet, liegt im Innenstadtbereich einer Großstadt (Stuttgart).
Die Jugendlichen und ihre Elternhäuser sind zu einem nicht geringen Teil "amtsbekannt". Die Schulzeit stellt nicht selten den einzig strukturierten Teil des Tages der Oberstufenschüler dar.
Strafdelikte reichen aus dem Freizeitbereich auch in die Schule hinein. Die LehrerInnen verstehen ihre Arbeit auch sozialpädagogisch.
Das hier vorgelegte Projekt erschien zunächst utopisch: wie sollten Jugendliche, denen häusliche Muster alltäglicher Situationen (daheim schlafen, frühstücken, in die Schule geschickt werden, Mittagessen daheim erleben usw.) häufig fehlen, sich gerade zu einem zudem noch "unmännlichen" Kochprojekt außerhalb der Schule für eine anspruchsvolle Adressatenschaft motivieren lassen!
Das Modell, das die Lehrerin / der Lehrer dabei zu Beginn den SchülerInnen boten (selber putzen, selber schälen ...) zeigte den SchülerInnen ein bisher nicht wahrgenommenes Bild ihrer Erzieher. Ein Bild, das sich wohltuend vom misserfolgsbelasteten Unterricht abhob:
Die Erfahrung, gleich nach dem Abspülen und Abtrocknen individuell Geld "auf die Hand" zu bekommen führte den Tauschwert "Arbeit gegen Bezahlung" für alle fassbar vor Augen.
Inzwischen ist soviel Vertrauen in die Situation, in die eigene Arbeit und die der Mitschüler gewachsen, dass schon lange für gemeinsame Aktivitäten (Ausflüge, Übernachtungen) der Gewinn zurückgelegt wird.
Es gab und gibt auch Frustrationen:
Die Arbeitsinvestitionen (Einkaufen, Rezepte finden und auf Großabnehmer umrechnen, Kalkulieren usw.) werden ebenfalls den Gästen dargestellt: man war konkurrenzlos billiger!
Der Absatz stieg wieder an ...
Die SchülerInnen spannten alle in die Nacharbeiten ein und beschwerten sich ihrerseits über logistische Mängel: fehlende Reinigungsmittel, Arbeitsgeräte usw.
Als Leiter des Sonderschulseminares erlebte ich die Jugendlichen, die seit Monaten bereits ohne ihre Lehrer hier arbeiten, wachsen in sozialer und auch in kognitiver Kompetenz.
Das Verhältnis zwischen den Jugendlichen und mir ist sachlich partnerschaftlich. Die Organisation, dass jeweils die Hälfte einer Klasse aus Raumgründen und um wirklich alle Arbeiten von allen ausführen lassen zu können -, für 3 Monate tätig wird, führt zu einer positiven Konkurrenzsituation, zu einem verbalen Austausch über komplexe Erfahrungen und Wahrnehmungen unter den Jugendlichen.
Neben den oben beschriebenen Aspekten ist für mich die Dauer des Projektes besonders beachtenswert und die Institutionalisierung über Klassen (die ausscheiden aus der Schule) hinweg.
Frau Ensslin schreibt in ihrer Zulassungsarbeit:
Februar 1998: Als ich meinen Vorbereitungsdienst in der Hasenbergschule antrat lernte ich gleich in der ersten Woche eine Spezialität der Oberstufe in dieser Schule kennen: Das "Kochen im Seminar". Einmal in der Woche bewirtet jede der beiden obersten Klassen die Referendare an ihrem Seminartag mit einem Mittagessen. Meine 8. Klasse war am Mittwoch dran und ich war von Anfang an daran beteiligt.
Erste Eindrücke: So müde wie Mittwochs nach dem Kochen war ich sonst selten. Mit 5 Jugendlichen ein Essen für 20 25 Personen bis 12.15 Uhr fertig zu haben und dann bis um 13.30 die Küche wieder sauber zu verlassen stellte ganz schöne Anforderungen. Es ist laut, viele kleine Szenen laufen nebenher ab, ich versuche alles im Kopf zu behalten, nichts zu vergessen, alle sollen etwas zu tun haben....
April 1998: Da ich die Schüler jetzt schon besser kenne, gibt es nicht mehr ganz so viele Nebenschauplätze. Jedoch wird mir immer klarer, daß ich dringend versuchen sollte mich mehr herauszulösen und die Schüler mehr selbständig machen zu lassen. Das ist jedoch sehr schwer, da es einfach darauf ankommt, nach wie vor gute Arbeit zu leisten, ein verkaufbares Produkt herzustellen.
Die Vorbereitungszeit wird länger, da die Schüler selber die Einkaufsliste schreiben, ausrechnen was gebraucht wird, versuchen zu kalkulieren was das wohl kosten wird. Auch die Vorbesprechung der Rezepte wird ausführlich durchgeführt, damit das Rezept und nicht immer ich befragt werde... "Was soll ich jetzt tun?"
Mai 1998: Die Schüler werden selbstbewußter, fangen immer gezielter an ihr Produkt zu verkaufen. Einer hatte die Idee auch Getränke zu verkaufen, also wird auch das probiert. Sie fangen an mit den Rezepten zu experimentieren: würzen nach eigenem Geschmack, machen Salatsoßen ohne Mengenangaben in einem Rezept, mixen Getränke.... manchmal wird also süßer Eistee verdünnt und mit Zucker nachgesüßt (Schüler wurden sich einig, es sei doch sehr zuckrig gewesen), es gab eine pürierte und eine noch stärker pürierte Suppe..."und, welche finden sie besser Fr. Ensslin?"
Es war keine einfache Schülergruppe, die individuellen Störungen der Schüler waren anstrengend und die individuellen Fähigkeiten der Schüler traten eher punktuell zutage. (...)
Juli 1998: "Heute ging es schon sehr viel besser" war meine all-mittwöchliche Antwort auf die Frage meines Mentors, wie das Kochen gegangen sei. Daran schlossen sich meist eine Reihe von Beobachtungen zu einzelnen Schülern an. Festzustellen ist, ich konnte mich mehr und mehr zurückziehen, weil die Schüler z.B. in der Vorbereitung einzelne Aufgaben ganz alleine ausführten. Bei einfachen Rezepten konnte ich mich darauf verlegen im Hintergrund mitzuhelfen (schon einmal etwas abzuspülen oder Reste zu versorgen und aufzuräumen). Die Fragen der Schüler was sie nun zu tun hätten, konnte ich ihnen zurückgeben, indem ich sie auf das Rezept und den von ihnen erstellten Organisationsplan verwies. Dies ließ mir Raum die Schüler zu beobachten und für Begegnungen und Gespräche mit einzelnen Schülern.
Zusammenfassung:
Die Schüler haben jeder für sich und alle zusammen einige wichtige Schritte in Richtung einer selbständigen Durchführung des "Kochens im Seminar" getan. Sie haben zunehmend mehr Vorbereitungsaufgaben übernommen und selbständig durchgeführt. Dabei haben sie Organisationstechniken und Arbeitsplanung geübt und angewendet.
Sie haben zudem in diesem Halbjahr etwa 500 DM für die Klassenkasse verdient und viele Erfahrungen mit sich und ihren Kunden (den Referendaren) gemacht.
Und hier gibts Fotos dazu: |